Die Legende vom Weißen Büffel
Diese Legende wurde mir bei einem Besuch der Lakota-Indianer im Pine Ridge Reservat erzählt. Weitere Recherchen meinerseits ließen die nachfolgend geschilderte Story entstehen, ergänzt durch meine persönlichen Bemerkungen zur Geschichte des nordamerikanischen Bisons.
 
Anschleichen Bisonjagd
Es war im Jahr 1872.
Über die weiten Hügelketten Montanas, nahe Fort Peck, zogen riesige Bisonherden grasend durch das Land. Daniel Richard, Scout unter General Crook, dem berüchtigsten Indianerjäger der Armee, ließ sein Fernrohr über die Landschaft wandern. Er war auf der Suche nach Sioux-Indianern, doch von der Gefolgschaft Sitting Bulls war nichts zu sehen. Dafür erstreckten sich braune, pelzige Leiber bis zum Horizont. Die Büffel hatten gerade einen harten Winter überlebt und füllten sich nun mit Macht ihre Bäuche mit frischem Präriegras. Wiederkäuend schob sich die tierische Masse Schritt für Schritt unter den tiefhängenden und immer noch schneebeladenen Wolken vorwärts. Auf einer Hügelkuppe stehend, ragte ein mächtiger Bulle aus ihren Reihen. Richard zuckte zusammen. Spielte ihm hier der Winter einen Schabernack ? Er traute seinen Augen nicht ! So sehr er seine Augen rieb und so oft er das Okular seines Fernglases abwischte, das Bild blieb das gleiche. Der Bisonbulle war .... weiß !
Dem erfahrenen Scout lief Gänsehaut über den Rücken, denn er wusste sofort mit wem er es zu tun hatte. Das war der legendäre White Buffalo, der irdische Gesandte Manitous, der heilige Büffel der Indianer mit seinem unglaublich schlohweißen Fell. White Buffalo verkörperte für die Indianer Zuversicht und Unbesiegbarkeit im Kampf gegen Feinde und rauhe Natur. Trotz schwerster Verletzungen hatte White Buffalo dereinst der Tötung durch die Blackfoot-Indianer widerstanden. Zehn Pfeile hatten seinen Körper durchbohrt und dennoch war er seinen Jägern entkommen. Die physische uns psychische Belastung kostete ihm zwar seine ursprüngliche braune Fellfarbe, aber seither wanderte er als Zeichen eines unbezwingbaren Lebenswillens durch die Prärie. Richards erfaßte ein seltsamer Ehrgeiz und die Witterung nach fetter Beute. Er malte sich aus, was dieses Fell wert sein würde und welchen Ruhm er ernten könnte, wenn er das Tier zur Strecke brachte. Er riss sein Pferd herum und ritt wie der Teufel zurück zum Fort. Er brauchte sein Weitschußgewehr.
Seine Meldung in Fort Peck eröffnete die Jagd auf White Buffalo und machte aus einer bis dato als Indianermärchen belächelten Legende eine handfeste Sensation.
 
Bisonjagd im Winter Bisonsuhle
Als General Crook davon erfuhr, jubelte er vor Freude. Er sah weniger den individuellen Ruhm nach dem Tod dieses Tieres, sondern vielmehr die Symbolkraft im Ausrottungsfeldzug gegen die Indianer. Der Tod von White Buffalo konnte helfen den Widerstand der "Rothäute" zu brechen. Und so liebäugelten ab jenem Septembertag viele zwiespältige Gestalten mit der Trophäe des Heiligen Bisons.
Für die Indianer galt ein Angriff auf White Buffalo als völlig undenkbar. Die Büffel waren generell hochgeachtete Tiere. Sie versorgten die Indianer mit Fleisch, aus ihren Fellen wurden Kleider, Sehnen und Knochen wurden zu Werkzeugen verarbeitet. Jahrhunderte lang deckten die Indianer nur ihren Eigenbedarf. Erst später nutzten sie die Felle als Tauschobjekte gegen Tabak, Gewehre und Whisky. Um 1840 lieferten Indianerstämme schätzungsweise 100 000 Bisonfelle an verschiedene Händler, die diese `gen Osten schafften und damit lukrative Gewinne erzielten. In Zeiten des Friedens zählte die Bisonjagd zu den Hauptbeschäftigungen der Indianer. Dafür entwickelten sie geniale Strategien die enormen Mut und Entschlossenheit voraussetzten. Nicht überall eignete sich das Gelände wie am Head Smashed-In Buffalo Jump (Nähe Fort Macleod) dazu die Bisonherden über Felsenklippen zu stürzen.
Mehrheitlich jagten die Indianer mitten in der Herde vom Pferde aus. Dazu hatten sie spezielle Pferde ausgebildet die der Überlieferung nach sogar so wertvoll waren, dass sie bei Gefahr in den Tipis ruhen durften, wobei die Frauen daraufhin das Zelt verlassen mussten. Aber auch zu Fuß brachten die geschickten Jäger ihre Beute zur Strecke und all zu oft nahm die ganze Sippe an der Jagd teil. Sinnlos wurde niemals ein Tier getötet. Im Gegensatz zu den Weißen, war für die Indianer die Jagd auf den Büffel ein lebensgefährliches Unterfangen. Nicht selten verloren einige Männer dabei ihr Leben. Nur mit Lendenschurz und Mokkasins bekleidet jagten sie die riesigen Tiere mit Lanze, Pfeil und Bogen. Am Hals ihres Pferdes hing ein Lederriemen der den Indianer am Herunterfallen hindern sollte. So ritten sie mitten in die Büffelherden und versuchten das ausgewählte Tier eine Hand breit hinter der letzten Rippe zu treffen. Somit durchlöcherten sie das Zwerchfell und die Lungen fielen zusammen. Da ein Lanzenstich aber nicht ausreichte um einen tonnenschweren Büffel zu töten, mußte der Jäger 3-4 tödliche Stöße ausführen. Aber selbst danach konnte ein ausgewachsener Bison noch meilenweit laufen. Nach der Tötung ließen die Indianer die Herzen der Bisons in der Prärie zurück, weil sie glaubten, diese lassen die Tiere wieder auferstehen.
 
Büffeljagd vom Pferd aus und mit dem Gewehr Bisonherden behinderten die Eisenbahn
Man kann sich vorstellen wie beeindruckend demnach ein Bison auf die Indianer wirkte, der diesem sicheren Tod entgangen war und dann noch durch seine außergewöhnliche Erscheinung bestach. Die Legende vom Weißen Büffel gilt als sehr realistisch, auch wenn sie nicht einheitlich erzählt wird. Man kann davon ausgehen, dass die verschiedenen Geschichten, die im Westernvolk die Runde machten sich um ein und das selbe Tier ranken. Der Weiße Büffel war offensichtlich ein Einzelgänger, denn er tauchte mal hier und mal dort auf, wobei er enorme Strecken zurück legte. Cowboys, Trapper und Landvermesser der großen Eisenbahngesellschaften haben ihn genau so gesichtet wie die zahlreichen Angehörigen des Militärs. Nach Daniel Richards Eröffnung des Büffel-Feldzuges (Richard hat White Buffalo im Übrigen nie wieder gesehen), tauchte der Weiße Büffel das erste mal wieder im Reisebericht eines Landvermessers auf. Er war mit drei Begleitern auf dem Weg nach Fort Robinson unterwegs und schrieb am 26.8. 1876 in sein Tagebuch :..." Als wir in der Abenddämmerung aus einem langen Tal auf die Höhe ritten, erreichten wir ein schier endloses Plateau auf dem große Felsblöcke aufgetürmt waren. Im Licht der untergehenden Sonne verstellte uns plötzlich, wie aus dem Nichts kommend, ein riesiger weißer Büffel den Weg. Das unglaubliche an dieser Begegnung war, des Büffels weißes Fell !!! Einem Gespenst gleich verschwand er wie er gekommen war ohne das einer von uns zur Büchse greifen konnte." .....
Diese sehr sachliche Beschreibung wird eigentlich nur durch die Überlieferung eines Trappers aus dem südlichen Kanada überboten. Er war mit weiteren Gefährten in einem Schneesturm völlig vom Weg abgekommen und ihre Chancen im Tiefschnee zu überleben wurden stündlich geringer. An einem spärlichen Feuer hockend erschien diesen Todgeweihten kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein riesiges, weißes, zottiges Tier. Da ihnen die Legende bekannt war, versuchten sie mit letzter Kraft das Tier zu erlegen. Der Bison blieb jedoch immer außerhalb der Schußweite und auf dieser Flucht schob das Tier eine tiefe Schneiße in den Schnee, der sie folgen konnten. Bevor White Buffalo mit dem Weiß der Landschaft verschmolz, hatte er die Trapper auf eine schneefreie Waldlichtung geführt, auf der eine Herde Wapitis graste. So kamen die Männer zu Fleisch und am Ende heil nach Hause. Es hieß, keiner von ihnen soll jemals wieder auf einen Büffel geschossen haben.
Ergänzende Geschichten erzählen davon, dass die Büffelherden sich in der Nähe White Buffalos immer sehr sicher fühlten, weil sie während seiner Anwesenheit offensichtlich immer vor Angriffen der Indianer geschützt waren. Indianer berichteten, dass wenn White Buffalo durch die Reihen der Bisons schritt, ihm alle gehörigen Platz machten. Und wenn er die Herde verließ, hielten alle mit dem Fressen inne und folgten ihm mit ihren Blicken bis er am Horizont verschwunden war. Nach Ansicht der Indianer konntrollierte er so im Auftrag Manitous die Betsände und wies den Büffeln den Weg in gute Weidegründe.

Berge aus Büffelhäuten Bisonschädelhaufen
Die Symbolkraft des Weißen Büffels hatte vor allem bei den Indianervölkern der nördlichen Territirien (Sioux,Blackfoot, Cree, Ojibwa, Cheyenne) eine große Bedeutung. Da White Buffalo trotz zahlloser Versuche nie erlegt werden konnte, bleibt es ein Geheimnis wo nach seinem Tod sein weißes Fell abgeblieben ist. Angeblich ist es eines der geheimnisvollsten und wertvollsten Totems dieser Völker. Gut verborgen an unzugänglichem Platz. Noch heute glauben diese Indianer, dass mit dem Wiedererscheinen eines Weißen Büffels die alten Zeiten wiederkehren, denn sie Verbinden mit dem natürlichen Tod White Buffalos den Untergang der großen Herden.
Mitte des 19. Jahrhunderts schätzte man trotz massiver Bejagung durch die Indianer immer noch etwa 60 Millionen Bisons in den Weiten Nordamerikas. Zahllose Berichte von Reisenden beschreiben unfaßbar riesige Bisonherden. Zitat : ".....unser Weg durch die enorme Herde dauerte 6 Tage. Während der letzten drei Tage drängten sich die Tiere zeitweilig so stark vor uns, dass wir mit der Truppe nicht vorwärts kamen. So ritten wir tagelang durch ein Meer aus braunen, zottigen Körpern...". Noch 1872 beobachtet Major Dogde in Colorado eine Herde mit schätzungsweise vier Millionen Tieren auf einer Fläche von 300 x 80 Kilometern.
Dann kam die Zeit der proffessionellen Büffelschlächter. Leute wie Buffalo Bill, alias Bill Cody, Jim Elder und Bill Tighman schlachteten in vier Jahren über 200 000 Büffel in den Prärien ab. Von Letzterem wird berichtet, dass er in 40 Minuten 120 Bisons an einem Standort erschossen haben soll. Cody tötete in 18 Monaten 4280 Büffel. 1865 wurden nahezu 1 Millionen, 1871 und 1872 jeweils 5 Millionen Bisons geschlachtet. Bis 1882 waren die Great Plains nahezu büffellos geschossen. Anfangs tötete man die Tiere nur um die Wege für die Eisenbahnen frei zu halten und um die Bautrupps mit Fleisch zu versorgen. Dann wurde 1870 ein neues Gerbeverfahren entwickelt, welches die Häute beständiger präparieren ließ. Dadurch stieg die Nachfrage. In Dogde City (Kansas) sollen zu jener Zeit täglich 40 000 Häute auf Züge verladen worden sein.
Somit wurde Büffeljagd zu einer lohnenden Einnahmequelle und alles was schießen konnte zog in die Prärieen. Die verfügbaren Waffen ließen Schußentfernungen von 200 bis 500 Meter zu. Ein "guter" Mann konnte so ohne jedes Risiko bis zu 150 Tiere problemlos erschießen. Sharps Weitschußgewehre trafen sogar noch auf 1 km Entfernung.
Die Erkenntnis, dass man mit der Abschlachtung der Büffel vor allem den Indianern die Lebensgrundlage entzog, heizte die Situation zusätzlich an. Vielerorts wurden infolge fallender Fellpreise die Bisons einfach nur abgeschossen und liegengelassen. Die Kadaver verblieben als stinkende Reste in der Prärie. Ganze Landstriche wurden so verpestet, dass man sie vor Gestank nicht mehr durchreiten konnte, denn selbst die fleißigsten Geier und Kojoten konnten diese Fleischmassen nicht bewältigen. Die Indianer zogen sich zurück und in die freigeschossenen Prärien trieben Viehzüchter ihre Hausrinder und Schafe. Von einst 60 Millionen Bisons waren um 1900 keine tausend Tiere mehr übrig. Und auch wenn der Weiße Büffel von den Büffelschlächtern nie erlegt werden konnte, gelang es den weißen Siedlern ganze indianische Völkerschaften in die geschichtliche Müllgrube der Zivilisation zu "entsorgen".
Heute ist der Weißkopfseeadler das Wappentier der USA. Er hat aber nicht annähernd das Anrecht auf diesen Platz. Das wahre Wappentier Nordamerikas ist der Bison !
White Buffalo kann für jeden von uns das Symbol für die Hoffnung auf gerechtere Zeiten, für Mut zum Widerstand und zur Mobilisierung eigener Fähigkeiten sein. Vor allem in einer Zeit wo Bürokratie, chaotische Mißwirtschaft, demokratisch verschleierte Macht des Geldes, hemmungslose Bereicherung, Korruption, gnadenloses Versagen und Unvermögen in Politik und Wirtschaft alle menschlichen Werte verloren gehen läßt.
|